Hammerschmidd 16 - Wozu Colaflaschen alles gut sein können ;-)

Hammerschidd schloss die Tür ab und schlurfte die Treppe runter. Blieb kurz vor Klotzes Tür stehen und betrachtete den durchsichtigen Müllbeutel, durch den Kartoffelschalen, eine Flasche Haarfestiger und benutzte Tempos hervorblitzen. Überlegte kurz, zu klingeln, sein Paket rauszuholen und Klotze zusammenzuscheißen. Überlegte es sich jedoch schnell anders, er hatte genug Klotze für diesen einen Tag gehabt. Seine Laune war sowieso im Keller und war noch tiefer gesunken, als er seine Post geöffnet hatte. Neben einer Werbung von AOL mit einem beigefügten Silber-Rohling für den neuen, günstigen Interneteinstieg hatte er einen Brief von seinem Vermieter bekommen, in welchem er über seine Pflicht, das Treppenhaus regelmäßig zu putzen, hingewiesen wurde. Klotze, du olle Petze. Hammerschmidd schwor Rache. Und setzte die Klotze auf seiner imaginären Liste von Menschen, die er nicht ausstehen konnte, an erster Stelle. Und um seine Abneigung zu unterstreichen, umkringelte er ihren Namen in Gedanken mit seinem Edding und fügte ein energisches und vor allem fettes Ausrufezeichen daneben. Er dachte an den Brief, den er von Veronika bekommen und als letztes geöffnet hatte. Eine weitere Baustelle in seinem Leben, die es aufzuräumen galt. Er seufzte. Ich muss zur Arbeit, dachte Hammerschmidd. Als er aus dem Haus trat, wurde er beinahe von einem Radfahrer über den Haufen gefahren, der auf dem Gehweg in atemberaubenden Tempo und viel zu dicht an ihm vorbeirauschte. „Ey!“ brüllte Hammerschmidd und zeigte dem Radfahrer einen Vogel. „Ach, reg dich doch nicht künstlich auf, Alter“ rief der Radfahrer ihm zu und fuhr weiter.

Auf dem Weg zur S-Bahn-Station griff Hammerschmidd in die Tasche seines ausgebeulten Jacketts und fühlte es in seiner Hand. Es fühlte sich gut an. Er hatte lange danach gesucht und es bei Ebay schließlich für viel Geld ersteigert. Er schob den Gegenstand nach oben und verrenkte seinen Kopf, um in die Jackentasche schauen zu können. Eine Schachfigur. Die weiße Dame. Die wichtigste Figur in einem Schachspiel. Hammerschmidd hatte noch viel vor. Die Schachfigur brauchte er für den alles entscheidenden Spielzug. Er strich über die perlmuttfarbene, glänzende Figur und ließ sie langsam wieder in die Jackentasche zurückgleiten. Seine Laune hatte sich mittlerweile wesentlich verbessert. Pfeiffend löste er einen Fahrschein am Automaten.



Evelyne Klotzmüller sank langsam auf den Fußboden, wo sie in einer äußerst unbequemen Sitzhaltung eingeklemmt wie eine Marzipankartoffel zwischen Tür und Regal sitzen blieb. Sie knüllte ihren Bademantel zusammen und schob ihn sich hinter ihren schmerzenden Rücken. Verdammter Mist. Auch, wenn sie froh war, dass Hammerschmidd sie nicht entdeckt hatte, saß sie ziemlich tief in der Scheiße und fühlte sich elendig. Er hatte sie Klotze genannt. K-L-O-T-Z-E. Heinz hingegen hatte immer liebevoll meine Südseeperle zu ihr gesagt. Und ihre deutsche Hausmannskost zu schätzen gewusst. Und überhaupt. Heinz war Kapitän gewesen, sie hatte ihn damals in Herberts Klause am Hafen kennen gelernt. Zunächst nur einen Korn mit ihm getrunken, auf den er sie eingeladen hatte und später Arm in Arm schunkelnd mit Heinz zu Wolle Petry gesungen. Was fiel Hammerschmidd eigentlich ein? Sie war eine Frau im absolut besten Alter! Ihre Ehe mit Heinz war schön gewesen, aber leider kinderlos geblieben. Heinz war zu fruchtbaren Zeiten immer auf See gewesen. Vor zwei Jahren war er dann an einem Herzinfarkt gestorben. Nachdem Heinz zu Grabe getragen worden war, hatte sie sich einen Hund geholt, damit sie nicht so alleine war. Oh mein Gott! DER HUND!!! Allein in ihrer Wohnung und sie hatte ihn heute noch nicht gefüttert. Mein aaaarmer kleiner Liebling... Evelyne Klotzmüller stiegen die Tränen in die Augen. Da saß sie nun in Hammerschmidds Speisekammer. Sie lehnte ihren Kopf an die Wand und schlief vor Erschöpfung ein. Träumte von tanzendem Obst und Gemüse. Einer Brechbohne, die mit einer Zucchini Tango tanzte. Eins, zwei, drei, Ausfallschritt. Gerade, als Tony, der Tiger von der Kellogg´s-Packung, Evelyne zum Discofox aufforderte, erwachte sie schweißgebadet. Sie fühlte eine Spur getrockneten Speichel an ihrem rechten Mundwinkel. Sie musste aufs Klo. Dringend. Oh nein. Sie konnte doch jetzt nicht... Die Speisekammer war so klein, sie würde in ihrer eigenen.... Oooooh....

Die Colaflasche war schließlich die Rettung. Wie entwürdigend, dachte Evelyne Klotzmüller und drehte den Schraubverschluss schnell zu. Sie wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte, aber sie musste raus hier. Vor allem den Hund füttern. Sie rüttelte an der Tür. Verschlossen. Untersuchte krampfhaft den Inhalt der Speisekammer nach einem lebensrettenden Brecheisen. Die Haarklammer! Evelyne fummelte auf ihrem Kopf herum und fand eine Haarnadel am Hinterkopf. Sie steckte die Nadel ins Türschloss. Nach ein paar Minuten hatte sie es endlich geschafft. Wie von Geisterhand und ganz leicht schwang die Tür auf. Evelyne Klotzmüller dankte dem Herrn und versicherte ihm, am Sonntag ganz besonders aufmerksam der Predigt zu lauschen. Sie stand in der Küche, holte ihren Bademantel aus der Speisekammer und sah sich um. Auf dem Küchentisch lag Post. Hm. Sie grabschte nach dem obersten Brief und begann zu lesen. Soso. Herr Hammerschmidd. Also wirklich. DAS hätte sie ja nun wirklich nicht von ihm gedacht... Und wo sie nun schon einmal in Hammerschmidds Wohnung war, konnte sie bei der Gelegenheit auch gleich mal untersuchen, was sich seit ihrem letzten Besuch so alles verändert hatte. Und wer Veronika war, würde sie auch noch herausfinden.

Purzel hatte sie in all der Aufregung völlig vergessen. Ihr verlorenes Bauchnabel-Piercing auch. Aber selbst, wenn sie das Piercing gesucht hätte – es lag an einem Ort, wo es niemand vermutet hätte. Jemand anderes sollte es später finden.


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