Die Träume / Hammerschmidd 14 – Druck

Evelyne Klotzmüller stockte der Atem. Hammerschmidd war zurück -und sie dumme Kuh stand in seiner Speisekammer, das konnte ja nicht gut gehen! Bitte, Buddah! Hilf der Mama!, schickte sie in 5-Sekunden-Intervallen Stoßgebete in die Stratosphäre. Sie hörte allerlei Aktivitäten in der Küche, Hammerschmidd latschte von links nach rechts, dann zurück und hantierte an der Spüle und Herd. Sie kannte die Geräusche, stand sie doch oft genug im Hausflur und hielt ihr Ohr an seine Wohnungstür.
Was macht der denn überhaupt hier zu Hause?, wunderte sie sich dennoch, die Beine zusammen kneifend, Ich muss Pipi! Wie immer, wenn irgendwas Aufregendes passierte, konnte sie kaum mehr an sich halten.

Erst kürzlich stand sie doch auf der Rolltreppe vom Hertie, als diese plötzlich und ohne Vorwarnung stehen blieb. Da stand sie nun. Sie wollte nach oben in die Miederwarenabteilung neue Strumpfhalter kaufen. In Altrosa ~mit Spitze!, das war schon lange ein Traum. Unentschlossen, was sie denn nun machen sollte, blieb sie erstmal eine Weile stehen. Sie war auch die einzige Person auf der Rolltreppe. Sie sah sich Hilfe suchend um. Überall gingen Leute her und betrachteten die Waren. Doch niemand kam und half ihr, niemand sagte etwas, niemand bemerkte sie. Da fühlte sie sich allein und hilflos, dachte an ihr Hündchen und an die Anstrengung, die es verursachen würde, die hohen Rolltreppenstufen hoch kraxeln zu müssen, und wartete einfach weitere lange fünf Minuten. Ich bin doch kein Friekleimba, ne, bin ich nicht! Das war so aufregend, dass sie fast nicht bemerkte, dass sie schleunigst auf Toilette musste, wollte sie sich nicht in die Hose pinkeln. Dazu bedurfte es einer schnellen Entscheidung, die ersten Tröpfchen ließen sich kaum zurückhalten. Entscheidungen waren überhaupt nicht ihre Stärken.
Geh ich jetzt die Treppe rauf oder runter?, grübelte sie. Sie begann die Stufen zu zählen, sie stand ungefähr in der Mitte. Sie verzählte sich zweimal. Als sie fertig gezählt hatte, nach unten waren es 21, nach oben 19 Stufen, dachte sie: Aber nach oben ist es anstrengender, nach unten leichter. Sie begann den Abstieg. Fast unten angekommen, setzte sich die Rolltreppe plötzlich wieder in Bewegung und Evelyne Klotzmüller sprang beidfüssig eilends von der viertletzten Stufe auf die drittletzte, von dort auf die drittletzte und von dort wieder auf die drittletzte, die Stufen der Rolltreppe wurden nicht weniger… So hüpfte und hüpfte und hüpfte sie mit ihren kurzen Beinchen, kam aber nicht von der Stelle. […!!!...]

Evelyne Klotzmüller stand splitterfasernackt im Wandschrank, ihren Bademantel über den Arm und Rückenschrubber sowie die Flasche Badeschaum in den Händen. Ihr Mund ging nervös hin und her, ihre Augenlider zuckten. Sie kratze sich am ‚Y’ ihres Tattoos und griff sich an ihr Bauchnabelpiercing, um ein weiteres Stoßgebet an Buddah zu senden. Das beruhigte sie meist -wenn es sie nicht wuschig machte.

Aber was war das…? Wo war denn der Ring, wo das runde Ding, ihre Perle? Es war so eng und dunkel in der Speisekammer, dass sie nicht an sich herunter sehen konnte. Das war anatomisch bedingt sowieso etwas schwierig. Sie atmete schwer ein und aus. Ihr wurde speiübel, was unter anderem an ihrem Mundgeruch lag. In der engen Kammer hyperventilierte sie fast, keuchte.

Auf einmal wurde die Tür des Wandschranks geöffnet. Grelles Tageslicht fiel ein. Aah, frische Luft! Sie sah Hammerschmidd zur Hälfte, der angewidert die Nase rümpfte aber in eine andere Richtung schaute. In selben Moment hörte sie ein Türklingeln. Er hatte seinen Blick Richtung Küchentür gerichtet. Seine Hand griff blind in die Speisekammer –aber ins Leere! Knapp an ihrer rechten Brust vorbei! PING! Ihre Brustwarze versteifte sich! PANIK! Was tun? Was grabscht der mich an? Geistesgegenwärtig stellte sie die Flasche mit dem Badeschaum in ein Regal und griff schnell nach einer Packung Milch. Die drückte sie, Zähne fletschend, bereit zuzubeißen, in die suchende Hand, die sich zufrieden mit dem, was sie ergriffen hatte, aus der Kammer zurückzog. Die Tür wurde geschlossen und Evelyne Klotzmüller hörte Hammerschmidd fluchend zur Tür gehen: „..wenn das wieder die Klotze ist, dann flipp’ ich aus!“.
Klotze!? Hatte er Klotze gesagt?So nannte er sie also, das war gemein! Na warte, das wirst du bereuen!


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