Hammerschmidd 4 -Frau Wunderlich

Er drehte sich um, hastig, voller Angst. Sein Herz klopfte so laut, dass es in seinen Ohren pochte. Hammerschmidds Schreien war leiser geworden, wie das Wimmern ein kleines Kindes. Dr. Weinbrenner war zur Salzsäule erstarrt. Er wußte nicht, was er tun sollte, stand einfach wie angewurzelt da und hielt sich krampfhaft an der Tischkante fest. So etwas hatte er noch nie erlebt in all seiner langjährigen Tätigkeit als Therapeut. Er hatte Patienten - Klienten - auf seiner Couch liegen gehabt, die geweint hatten. Verzweifelt waren. Die die Schuld ihres verpfuschten Lebens auf ihre Eltern geschoben hatten. Und einmal einen Patienten, der mindestens 23 Persönlickeiten in sich trug und Dr. Weinbrenner hatte bei jeder seiner Fragen seine Antwort von jeweils einer anderen Person erhalten, so dass er schnell den Überblick verloren hatte, mit wem er eigentlich gerade sprach.

Langsam erwachte der Doktor aus seiner Starre. Er mußte irgendwas tun, aber was? "Hammerschmidd, geht es Ihnen gut?" fragte er schließlich leise. Verdammt, dachte er. Wo zum Teufel war Frau Wunderlich? Frauen sind mit ihrer sanften Art ja oftmals befähigter als Männer, Ruhe und Ordnung in prikären Situationen wiederherzustellen. Und dies war eine prikäre Situation. Außerordentlich prikär. Und seine Sekretärin strahlte eine solche Ruhe und Gelassenheit aus, dass Dr. Weinbrenner sie jetzt in diesem Moment zur Abwechslung mal wirklich gebraucht hätte. Was ihre Arbeit betraf, da hätte er ihr nämlich gerne schon das ein oder andere Mal einen Tritt in den Hintern verpaßt, denn die Schnellste war sie nicht. Aber er beschäftigte sie schon seit vielen Jahren, so dass er es nicht übers Herz brachte, ihr zu kündigen. Außerdem war sie die einzige Person in seinem Umfeld, die wußte, wie er seinen Kaffee am liebsten trank. Schwarz, mit 2 Stück Zucker, nicht umgerührt.

Hammerschmidd hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und wimmerte noch immer leise vor sich hin. Dr. Weinbrenner, der bisher in sicherer Entfernung geblieben war, trat vorsichtig einen Schritt auf ihn zu. "Hammerschmidd, alles ist gut. Setzen Sie sich doch bitte wieder..." Hammerschmidd war leichenblaß, seine Haare standen wirr nach allen Seiten und beim Aufspringen von der Couch war er gegen den Beistelltisch gestoßen. Das Wasserglas war heruntergefallen und hatte sich in Form von zahlreichen glitzernden Scherben dekorativ auf dem Fußboden verteilt. Die Gedanken überschlugen sich in Dr. Weinbrenners Kopf. Er mußte irgendetwas tun, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Er wurde mutig. Gerade in dem Moment, wo er einen weiteren Schritt auf Hammerschmidd zugehen wollte, verhedderte er sich im Telefonkabel, welches vor seinen Füßen lag. Er stürzte, fiel mit voller Wucht auf den Boden, und stieß einen Schmerzensschrei aus, weil er sich heftig den Kopf anstieß.

"Herr Doktor, ist bei Ihnen alles in Ordnung?" Frau Wunderlich. Verdammt. Wo war sie nur die ganze Zeit über gewesen? Dr. Weinbrenner versuchte den schmerzenden Kopf zu drehen und schaute hoch. Frau Wunderlich stand im Türrahmen und schaute besorgt auf ihn herunter. Dann wandte sich ihr Blick nach links zu Hammerschmidd. Hammerschmidd hatte die Hände vom Gesicht genommen und blickte Frau Wunderlich hysterisch und mit weit aufgerissenen Augen an. Dr. Weinbrenner mußte an Norman Bates denken. Frau Wunderlich offensichtlich auch. Sie wich ängstlich einen Schritt zurück. Wahrscheinlich dachte sie,Hammerschmidd war gewaltätig geworden, und hatte den Doktor niedergeschlagen. "Dr. Weinbrenner, soll ich vielleicht die Polizei...." Weiter kam sie nicht. Hammerschmidd sprang in Richtung Tür, stieß Frau Wunderlich dabei unwirsch zur Seite, so dass jetzt auch sie schrie, und rannte polternd und wie von Sinnen davon. "Hammerschmidd, warten Sie, bleiben Sie hier!" rief Dr. Weinbrenner ihm hinterher, aber es war zu spät. Hammerschmidd war weg.

Was für ein Alptraum, dachte Dr. Weinbrenner.


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